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Unvernunft, die man auch Lebensfreude nennt
Essay von Dankwart Grube

von Marcus Klippgen zur Verfügung gestellt

Copyright 1996 bei der Praetor & Rindlisbacher Verlagsgesellschaft mbH, Reutlingen. In diesem Verlag erscheint u.a. das Magazin AUTO FOCUS. Der Abdruck des obigen Beitrages erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch die Anzeigenleitung des Verlages, Herrn Michael Köckritz.

Zu schreiben, dass an diesem Tag des Jahres 1955 der Haussegen ein bisschen schief hing, an dem wir stolz wie ein Spanier unseren ersten Porsche heimfuhren, wäre so untertrieben wie die Feststellung, dass Opel und VW, seit sich Senior Lopez beruflich veränderte, einander nicht lieb haben.

Wahr ist: Frau Grube erklärte uns kategorisch für verrückt. Eine Probesitzung der beiden Buben auf den hinteren Nothockern verschärfte ihr - mutmaßlich begründetes - Urteil: Rabenvater! Der Gattin erste Mitfahrt, "Powerslide" zur Bewältigung einer engen Kurve eingeschlossen, machte die Chose nicht besser: Verrückt, zu laut, zu tief, zu eng, zu hart, viel zu teuer - und viel, viel zu schnell.

Er war weinrot, 1.286 ccm, 44 PS bei 4.200 Touren, Verdichtung 6,5:1, 810 Kilo, 3,88 Meter, Spitze ca. 140 km/h, und damals, als politische Korrektheit derlei noch nicht verbot, haben wir ihn geliebt. Von Vernunft, wie das mit der Liebe so geht, war nicht die Rede. Vernunft würde, wie man heute weiß, nie mehr eine Chance haben, wo begehrliche Blicke einer gewissen Spezies Männer - und neuerdings, da schau her, auch Frauen - auf einen Porsche fielen.

Damals keimte bereits, was seither als Mythos Porsche gilt - und immer auch ein Virus war. Im Unterschied zu anderen, die durch medizinische Einwirkungen - oder, wie wir bevorzugen, durch eine Grog-Schocktherapie - beherrscht werden können, handelt es sich beim Porsche-Virus um einen, der, wenn die Chemie zwischen Wirt und Gast stimmt, unausrottbar ist. 40 Jahre nach dem tumultösen Tag im Grube-Haushalt fahren wir deshalb folgerichtig und unheilbar immer noch Porsche. Nur Frau Grube fährt nicht mehr mit, was traurig, freilich aber auch von einer gewissen Logik ist: Mangelnde Porsche-Kompatibilität hat schließlich schon unzählige Paare getrennt, die einander per pedes lebenslang geküsst und gekost hätten.

Ein Porsche ist natürlich so lebenswichtig wie ein Solarium in der Karibik, weshalb es auch kein Argument für einen Kauf in Zuffenhausen gibt, das der Ratio standhält; ganz im Gegenteil: Man kauft mit einem Porsche grotesk wenig Auto für einen hanebüchenen Preis, der woanders für ein Haus samt Grundstück reicht. Man zahlt horrende Reparatur- und Wartungskosten. Man trennt sich von Armen und Beinen, um Finanzämter und Versicherungen zu befriedigen. Man verbraucht viel mehr Treibstoff als sein müsste. Man wird, in einem Porsche sitzend, fortwährend beäugt, als hätte der Betrachter das letzte Fahndungsfoto der Mordkommission im Sinn, und nicht zuletzt: Man schärft unausgesetzt das Auge der Polizei, von der wir begründet vermuten, dass sie jedem Hauptwachtmeister eine Sonder-Prämie bezahlt, der einen Porsche beim Überschreiten des Tempolimits erwischt.

Wir machen uns anheischig, den Rest dieser Magazinseite - und die komplette nächste - mit weiteren unwiderlegbaren Argumenten der Vernunft gegen jeden Porsche zu erfüllen, der bisher gebaut wurde und noch gebaut werden wird.

Aber, aber, aber.

Vernunftargumente gegen einen Porsche sind für den, der dem Virus erlag, wie täglich drei Teelöffel Leitungswasser gegen rheumatische Anfälle; mehr noch: Die Entscheidung für einen Porsche ist die vorsätzliche Überwindung jener Vernunft, die, konsequent durchgehalten, aus einem prallen Menschenleben die Existenz einer Möhre macht. Porsche - das ist Unvernunft, die man auch Lebens-Freude nennt oder Faszination. Porsche, kurz, ist so unvernünftig wie ein großer Champagner oder ein Menü in der Schwarzwaldstube in Baiersbronn. Porsche ist etwas eminent Sinnliches - und nun soll der harte Kern der Fundis seine Birkenstockschuhe ausziehen und uns mit ihnen bewerfen.

Aber auch: Ein Porsche war immer ein Stück des Besten, was deutsche Industrie erzeugte.

Ein Porsche war stets, wie die Germanen heute sagen, "state of the art". Kein 356 oder 911.

- Schwamm über die Bastarde, die auch aus Zuffenhausen kamen - keiner hat je die Werkshalle verlassen, der nicht Beleg für Exzellenz gewesen wäre, und nota bene: "Exzellenz" übersetzt sich beileibe nicht nur mit "Geschwindigkeit". Seit sie in Gmünd in Kärnten ihr erstes Auto zusammenschraubten und aus Aluminium hämmerten, war ein Porsche immer das andere Auto, das mit dem Maßvollen, dem Konventionellen, dem brav Ausgewogenen, dem erprobt Durchschnittlichen nichts zu tun haben wollte. Ein Porsche war nie "normal" - sowenig wie die Kerls, die in ihnen saßen.

Gern und freiwillig steuern wir Belege aus unserer reichen Praxis bei; zum Beispiel: Die schrecklichen Jahre im schrecklichen Bonn überstanden wir nur, weil der Nürburgring in der Nähe war. Drei Jahre in New York mit einem "Fairlane" waren uns nur bei dem Gedanken daran erträglich, dass wir nach Rückkehr wieder einen Porsche fahren würden. Einmal, beruflich arriviert, gerieten wir in den Genuss eines Dienstwagens, einer sehr schönen geräumigen, vom Rest der Familie mit stehender Ovation empfangenen Limousine. Nach ein paar Monaten verließen wir die brave Limousine, saßen wieder im Porsche, und als wir ihn erstmals starteten und im Heck ein mittleres Sägewerk zu arbeiten begann, waren wir glücklich. In der Zeit des Ergrauens, in der ein ordentlicher Mann über sein Leben nachdenkt und überfällige Korrekturen vornimmt, schafften wir - Sieg radikaler Vernunft - neben allerlei sündhaften Gedanken und Praktiken auch den Porsche ab und fuhren gutbürgerlich, bis die Entzugserscheinungen schmerzhaft wurden: Der Neue war ein "Targa" und die Jungfernfahrt mit ihm so schön wie Versöhnung nach eigentlich unverzeihlicher Untreue.

Alles nicht normal. Und auch dies gestehen wir: Wir wurden vor Entsetzen krank, als sie - das war Ende 1965 - den 356 abschafften, Banausen, Kindsmörder, Hunnen, und den Klassiker durch den 911 ersetzten. War ihnen nichts heilig? Kein "Powerslide" mehr? Keine "Dame"? Kein "Carrera" in der wunderschönen Form, in der er die 'Carrera' fuhr? Dieser geleckte Neue - ein Porsche?

Gut möglich, dass es sich bei den Porsche-Fahrern um die konservativsten Fortschrittlichen handelt, die auf Gottes Erdboden in Autos sitzen. Jeder Modellwechsel löst bei Ihnen mittelschwere Seelenbeben, zuweilen auch Depressionen aus, und bei Gott: Der Tag, an dem sie den 911 abschaffen - was, unter uns, überfällig ist, denn er krankt habituell an einem schrecklichen Luftwiderstandsbeiwert - , wird ihr letzter sein, denn zu Tausenden werden sie nach Stuttgart kommen und "Wir sind das Volk" rufen, Vorstands-Büros besetzen und Maschinen stürmen und nicht Ruhe geben, bis es den Porsche wieder gibt, den einzigen, den wahren, the one and only, den 911.

Alles nicht normal. Und dabei wird diese Willensbekundung der Anomalen noch die mildere Form der Unvernunft sein, denn man weiß von den Orthodoxen, die den 911 beharrlich ignorieren und keinen anderen Porsche als den 356, das Original, den Urvater kennen und am Sonntag in ihm nicht fahren, sondern demonstrieren. Neulich, sehr passend, vor einem Antikhof, trafen wir einen von ihnen. Sein 356, 1600 Super in einem Rot, das selbst Nolde nie anmischen konnte, sah aus, als wäre er gestern brandneu aus Zuffenhausen gekommen. Wir boten ihm, nostalgisch überwältigt, unseren Porsche zum Tausch an: 911 Cabrio, steingrau, schwarzes Verdeck, beste Verfassung, scheckheftgepflegt. Er betrachtete uns und unser Auto, wie alter Adel einen Parvenü ansieht, entbot kühl die Tageszeit, ließ das zweitschönste Geräusch hören, das ein Mann nächst dem "Ja" einer Frau vernehmen kann, und dann rollte er davon, eine unbeugsame Ein-Mann-Prozession wider die Sünde der Porsche-Moderne.

Auch nicht normal. Die spinnen, die Porsche-Fahrer. Und in Zuffenhausen und Weissach spinnen sie manchmal auch. Zum Beispiel: Nur bei Porsche bringen sie das Stück aus dem Tollhaus auf die Piste, in sage und schreibe neun Monaten einen GT zu entwickeln, der 1996 nach Ablauf dieser neun Monate in Le Mans gewinnt und so erlesene Konkurrenz wie McLaren und Ferrari deklassiert - und den Mythos doch wenigstens ein bisschen belebt.

Denn dieser Mythos: Das war immer Porsche im Rennsport.

Bekanntlich weiß niemand so genau, was ein Mythos ist, wie er sich begründet und am Leben erhält, aber bei Porsche ist doch wenigstens ein Anfangsverdacht gegeben. Wir vermuten ihn in der Form des keck schmetternden "Spyder" auf dem Nürburgring der frühen sechziger Jahre. Er war ein Winzling, 1.500 ccm, und er hatte die Figur einer in die Waage- rechten beförderten Marktfrau, aber er nahm es mit den großen Ferraris, Maseratis, Vanwalls, Aston Martins und Jaguars auf und war der Liebling der Zuschauer, die, übrigens, damals zu GT-Rennen in der Eifel zahlreicher als heute zu den Darbietungen der Formel 1 erschienen.

Der Mythos - das war, mit den Herren Bonnier und Herrmann an Bord, der "Spyder", der 1960 die Targa Florio gewann und sechs Minuten vor dem ersten Dreiliter-Ferrari im Ziel war. Den Mythos begründeten auch die "Spyder", die berühmten 12 Stunden gewannen und dem besten Dreiliter aus Italien nur den dritten Platz gönnten.

Ein bisschen war es das David-Syndrom, das den Mythos begründen half: Die Kleinen aus Zuffenhausen, die respektlos Hubraumriesen blamierten. Die hässlichen Entlein, die wie missglückte Autozeichnungen eines Sechsjährigen aussahen, aber staunenswert fuhren. "The new kids on the block", die die Etablierten das Fürchten lehrten.

Der 917, der 1970 mit 600 PS in Le Mans den ersten Gesamtsieg für die Zuffenhausener herausfuhr, und die besten Ferraris um sage und schreibe 31 Runden hinter sich ließ - das war Porsche und der Mythos. Und der "917/30", der mit seinen 1.100 PS die Einsicht des Firmengründers ausdrückte, dass nur mit vollen Hosen gut stinken ist, der der bis dahin stärkste je gebaute Straßenrennwagen war und dann die "CanAm"-Serie aufmischte - das war Porsche.

Oder: Der 911 Carrera RS 2,7 mit seinen 210 PS aus dem Sechszylinder-Motor, der das Schnellste deutsche Serienauto war - Spitze 240 km/h - und 1973 sieben von neun Rennen um den europäischen GT-Pokal gewann - das war Porsche. Siege bei den 1000 Kilometern auf dem Nürburgring, in Daytona, in der damals hochrespektierlichen Formel 2 - das war Porsche, war permanente Mythoskonstruktion und, nicht zuletzt, großes Marketing; kurz: Nichts hat soviel für das zum Mythos mutierte Image des Hauses getan wie der Rennsport, der in allen Medien der Welt annoncierte, was in Zuffenhausen käuflich war: Fabelhafte, schnelle, beherrschbare sichere und zuverlässige Exzellenz.

Damals, wenn Demoskopen die Bewohner des globalen Dorfes nach den zehn berühmtesten Firmen befragten, war Porsche darunter, und wenn sie zu wissen begehrten, welche Firmen für Qualität standen, war Porsche mit an der Spitze. Der Mythos war konsolidiert.

Früher, wie jeder alte Zausel weiß, war alles viel schöner. Könnte es sein, dass, was Porsche und den Sport angeht, die alten Zausel nicht irren?

Denn irgendwann wurden GT-Rennen zu Belanglosigkeiten, schließlich zu Vorprogramm-Garnituren auf Veranstaltungen der ITC - und damit verlor Porsche seine sportliche Domäne. Irgendwann, höchste Zeit, war es mit Berg- und Straßenrennen vorbei, und wieder war dem Kaufhaus Porsche ein Stück seines Schaufensters genommen. Irgendwann wurde die Formel 1 zur alles dominierenden Rennsport-Variante, mit der es Porsche stets, wenn überhaupt, nur halbherzig hielt. Heute fährt im großen Sport - zu dem leider selbst Le Mans nicht mehr gehört - kein Porsche mehr. Das tut ein bisschen weh.

Denn Porsche ohne großen Rennsport ist wie Ferrari als Hersteller familienfreundlicher Zweiliter-Autos, fünf Komfortsitze, Spitze 170 km/h. Porsche ohne großen Sport ist wie die Umwandlung des FC Bayern München in einen Bridge-Club, Eintritt nur für Damen über 65. Porsche ohne die Herausforderung des Hochleistungssports ist wie Herr Dr. Kohl ohne seine Leibesfülle oder wie Lothar Matthäus als Trappist. Das siegreichste Sportwagenunternehmen der Welt, der Mythos, der herangewachsene David von einst als Rennsportabstinenzler - das geht nicht.

"Keine Frage", heißt es in einer feinen Enzyklopädie, die "Das große Buch der Porsche-Typen" (Motorbuch Verlag, Stuttgart) heißt und von Lothar Boschen und Jürgen Barth stammt, "Keine Frage: Die Formel 1 ist die Krönung im Motorsport. Dort fahren die Besten, und das Medienecho ist unerreicht. Gründe genug für Porsche, die Motorsport-Aktivitäten auf die Formel 1 zu konzentrieren."

Wo die Jungs Recht haben, haben sie Recht. Denn auch ein Mythos braucht kraftvolle und mutige Belebung, zum Beispiel so: Die Formel 1-Saison `98. Am Start lauter Bindestrich-Mischlinge. Nur zwei Ausnahmen. In Rot die großen Ferraris. In silbergrau schon wieder das "new kid on the block", Porsche. 349 Millionen Fernsehzuschauer im globalen Dorf können den Start nicht abwarten. Da kriegen selbst alte Porsche-Zausel feuchte Augen.